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Wolfram Adolphi: Es gibt Gewinne und Verluste - Ein Streifzug durch die chinesische Geschichte (Teil 5)

 

In Neues Deutschland vom 16.08.2008

 

Als im März 2008 in Lhasa, der Hauptstadt des Autonomen Gebietes Tibet, Unruhen ausbrachen, war der Mainstream der westlichen Medien schnell mit einer grundsätzlichen und umfassenden Verurteilung der chinesischen Tibet-Politik bei der Hand. Immer wieder las man auch Herleitungen eines Unabhängigkeitsanspruchs aus tausendjähriger Geschichte.

 

So etwas klingt auf den ersten Blick plausibel, bleibt aber immer fragwürdig. In Europa liegt das völlig auf der Hand: Die Frage, welches Datum für welche Unabhängigkeit, welche Grenzziehung der Stichtag sein soll, kann nie befriedigend beantwortet werden. Im Bewusstsein dessen hat man mit der UN-Charta 1945 und der Schlussakte von Helsinki 1975 ganz generell die Unverletzlichkeit der bestehenden Grenzen festgeschrieben und eine Änderung des Status quo an die unveräußerliche Bedingung des friedlichen Einvernehmens aller beteiligten Seiten geknüpft.

 

China ist ein Vielvölkerstaat, und dies schon immer. Das Verhältnis der Völker zueinander ist oft ein kriegerisches gewesen. Die einen sind von den anderen verdrängt, manchmal sogar fast ausgerottet worden; die einen haben die anderen beherrscht, und dies bei ständig sich verändernden Außengrenzen des Reiches. In der als „chinesische Neuzeit“ bezeichneten Epoche von 1280 bis 1911 hat China nur in einem kürzeren Abschnitt unter nationalen Herrschern gestanden: in den 276 Jahren der von 1368 bis 1644 dauernden Ming-Dynastie. Zuvor erlebte es die Mongolenzeit (1280-1368) – ihr bekanntester Herrscher war Kubilai (oder Kublai-Khan) – und danach die von 1644 bis 1911 dauernde Qing-Dynastie der Mandschu (1644-1911). Die Han, die eigentlichen Chinesen, waren, obwohl zahlenmäßig immer die stärksten, dieser Herrschaft unterworfen, empfanden sie als Fremdherrschaft. Das Schicksal des Unterworfenseins teilten sie mit vielen kleineren Nicht-Han-Völkern wie etwa den Zhuang, Miao, Yi, Dong, Yao, Bai, Hani, Naxi und Tujia in Südwest-China, den Uiguren in Nordwestchina, den Ewenken im Norden und den Tibetern im Westen. Heute zählt man in China offiziell 55 nationale Minderheiten. Zu ihnen gehören die bereits genannten Völker ebenso wie die einst das Land beherrschenden Mongolen und Mandschu. Sie machen insgesamt etwa acht Prozent der Bevölkerung der VR China aus – was freilich 100 Millionen Menschen sind! Das Siedlungsgebiet der Minderheiten erstreckt sich auf mehr als 60 Prozent des chinesischen Staatsgebietes.

 

Betrachtet man den Weg Tibets vor diesem Hintergrund, erscheint der Begriff der »Unabhängigkeit«, die es im Gegensatz zu heute früher gegeben haben soll, in einem anderen Licht. Erwin Wickert, profunder China-Kenner und Botschafter der BRD in der VR China von 1976 bis 1980, gibt in seinem Buch »China von innen gesehen« ein 1979 geführtes Gespräch mit dem nepalesischen Konsul in Lhasa wieder. »Die Tibeter«, sagt dieser Konsul, »waren seit Kublai Khan (…) nie ganz unabhängig von China, außer wenn die Kaiser in Peking andere Sorgen hatten und sich um Tibet nicht kümmerten. Dann unterdrückten wir Nepalesen sie oder die Khoschoten aus Urumtschi oder die Dsungaren. Aber all das hat die eingeborenen Zwingherren, den tibetischen Adel und die Lamas, nicht daran gehindert, ihrerseits das Volk zu erpressen und auszusaugen.« Die »knapp vierzig Jahre tibetischer Unabhängigkeit« von 1911 bis 1950 sieht der Konsul als »eine Zeit des Übergangs, in der China zu schwach und Großbritannien in Indien nicht mehr stark genug war, Tibet zu beherrschen«. Als Wickert daraufhin feststellt, dass man 1950 jedenfalls nicht von »Befreiung« sprechen kann, wie es der offizielle chinesische Sprachgebrauch will, antwortet der Konsul: »In gewissem Sinne war es auch eine Befreiung, nämlich für die Leibeigenen, und das waren achtzig Prozent oder mehr der Bevölkerung.«

 

Im weiteren Gesprächsverlauf erklärt der Konsul dann, dass die Tibeter gewiss dennoch die Unabhängigkeit wollten, auch wenn diese wieder mit Knechtschaft verbunden sein sollte, denn: der Dalai Lama »ist doch die Inkarnation eines Boddhisattwa, das heißt, praktisch ist er ein Buddha.«

 

Klarer können die Widersprüche kaum aufgezeigt werden – und am Ende ist alles noch viel schwieriger. China ist Siegermacht des Zweiten Weltkrieges, es hat die UN-Charta mit aus der Taufe gehoben – warum sollte es nicht das Recht auf territoriale Integrität und die Unverletzlichkeit seines Territoriums geltend machen können? Die »Unabhängigkeit« Tibets der Jahre 1911 bis 1950 – sie ist nie international anerkannt worden. Die soziale Revolution, die in China stattgefunden hat – warum sollte sie vor Tibet halt gemacht haben? Und der seit dreißig Jahren sich vollziehende wirtschaftliche Aufschwung – sollte Tibet nicht in ihn einbezogen sein? Tibet ist Teil der komplizierten, widerspruchsvollen Entwicklung Chinas insgesamt.

 

Wer die Forderung nach Unabhängigkeit Tibets stellt, muss sich die Konsequenzen vor Augen führen. Die heute rund 5,2 Millionen Tibeter leben nicht nur im 1,2 Mio. km2 umfassenden Autonomen Gebiet Tibet (2,4 Mio.), sondern auch in weiten Teilen der Provinzen Qinghai (1,1 Mio.), Sichuan (1,2 Mio.) Gansu (0,4 Mio.) und Yunnan (0,1 Mio.). Bei den in Indien lebenden Exiltibetern (rd. 80.000) wird dieser Raum als „Großtibet“ bezeichnet und die Unabhängigkeitsforderung auf dieses „Großtibet“ bezogen. Folgt man aber gar einer „Kulturraum“-Definition, dann reicht Tibet nach Indien, Nepal und Bhutan hinein. Beginnt man, solche Rechnungen in Europa, im Nahen und Mittleren Osten oder in Zentralasien aufzumachen, wird sofort klar, welch ungeheure Sprengkraft in all dem verborgen ist.

 

Die Lösung der Tibet-Probleme kann ebenso wie die anderer Minderheiten-Probleme in China nur in kluger innerstaatlicher Politik bestehen. Europa, bestehend aus zahlreichen Vielvölkerstaaten, versucht gerade, ein neuer, größerer Vielvölkerstaat zu werden. Das Miteinander und die gegenseitige Durchdringung der Kulturen sind alltägliche, widerspruchsvolle Herausforderung. Gewinn und Verlust liegen eng beieinander. Führt man sich das vor Augen, wird deutlich, wie absurd und anachronistisch die Forderung »Tibet den Tibetern« ist.